Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Ansicht von Süden auf Chor, Schiff und Kirchturm

Das Äussere

36 Meter lang, bis zur Turmspitze 45 Meter hoch und fast nach allen Richtungen weithin sichtbar, erhebt sich der Bau der Kirche Menziken auf einem begrünten Geländebuckel westlich des Dorfkerns. Im Vergleich zur im 19. Jahrhundert häufigen Angewohnheit, die Kirchenbauten mit dem Frontturm quer und recht unmittelbar an die Hauptstrasse zu stellen, kam hier eher die Vorstellung eines die Gegend denkmalhaft beherrschenden Gotteshauses zum Zug.


 

Der Dorfkern von Menziken mit Kirche und markant hohem Kirchturm

Stilistisch hingegen wirkt der Bau, als wäre er 30 Jahre früher entstanden: Architekt Robert Ammann orientierte sich, was mehrfach bezeugt wird, an der katholischen Pfarrkirche von Bünzen im Freiamt, welche 1860–62 von Caspar Josef Jeuch als eine der ersten neugotischen Schweizer Kirchen erbaut worden war. Sowohl die Kirchenbauten von Bünzen als auch jener in Menziken verkörpern folglich eine klassizistisch-romantische Gotik, d.h. die Gotik wirkt – anders als etwa an der Basler Elisabethenkirche oder den damaligen westschweizerischen Pfarrkirchen – weniger durch das System des mittelalterlichen Skelettbaus als in einer vorwiegend ‹gezeichneten›, zweidimensionalen Motivik: Die typisch gotischen Charakteristika wie Rosetten, Spitzbogen, Spitzgiebel und das Masswerk gliedern ohne wesentliche plastische Hervorhebung den ansonsten fast etwas steifen, für den Historismus typisch kastenartig wirkenden Baukörper. Ein eingezogener Polygonalchor lockert nebst dem etwas aus der Front hervortretenden Turm als einzige Baumasse den schlichten Körper auf, und an den Gebäudeecken zierten winzige Türmchen, sogenannte Fialen, den Umriss. Was in Bünzen durch die Vielfalt der Motive und feingliederige Abstufungen am Turm dem Baukörper noch Grazilität verliehen hat, vereinfachte Ammann in Menziken und kompensierte die Steifigkeit durch hervorgehobene Eckquaderungen am Turmgeschoss, die heute noch auffallen.

Der markante Kirchturm

Ammanns Entwurf wäre wahrscheinlich bereits wenige Jahre später ganz anders ausgefallen: Gerade um 1890 regten sich im evangelischen Kirchenbau Bewegungen, das katholische Vorbild abzuschütteln und eine dem Kultus zweckmässigere, chorlose Disponierung und Stilhaltung zu finden (vgl. die fast gleichzeitig erbaute Kirchen Gebenstorf und Rheinfelden oder als späteres Beispiel die Kirche Frick). Dass Ammann für die Kirche Menziken noch eine fast 30 Jahre ältere und dazu katholische Kirche zum Vorbild nahm, zeigt sehr gut, dass diese Idee einer reformierten ‹Distinktion› 1888 noch nicht allgemein verbreitet war.

Die heutige Erscheinung der Kirche ist aber auch vom Umbau des Architekten Karl Ramseyer von 1934/35 gekennzeichnet. Vermutlich aus Gründen des mässigen Erhaltungszustandes und der Furcht vor einer kostspieligen Restaurierung wurden die Fialen, die Turmgiebel, die Masswerkrosetten und die Spitzbogenarkaden am Dachansatz des Schiffes entfernt. Sowohl der Turm als auch das Schiff erhielten anders geformte Dächer, die, klimatisch wieder stärker der Region angeglichen, durch Aufschieblinge im Dachstuhl nun über dem Mauerwerk auskragen. Die neugotischen Kirchen waren häufig nicht der regenreichen Witterung angepasst, was sich bereits in Karl Indermühles Restaurierung von 1926/27 niederschlug: Der von der Berner Münsterbauhütte kommende Berner Architekt liess damals vor die Eingangstüren stilistisch angeglichene Vorhallen – mit allerdings etwas ‹ungotisch› geschwungenen Kupferbedachungen – anbauen, welche die Ankommenden, aber auch die wertvollen originalen Türen mit ihren feingliedrigen Masswerkschnitzereien von Adolf Weber vor Regen und Wind schützen sollten.

Die Vorhalle mit der geschwungenen Kupferbedachung




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