Kirchen- und Baugeschichte

Nachdem das Städtchen Mellingen kurz nach der Reformation 1529 zum reformierten Glauben übergetreten war, wurde es bereits drei Jahre später durch neue politische Verhältnisse wieder rekatholisiert. Erst im 19. Jahrhundert lockten Industrieunternehmen wie Baumwollverarbeitung, Stickerei, Zwirnerei und Dampfziegelei auch wieder protestantische Einwohner an. Diese allerdings mussten zum Gottesdienstbesuch zunächst weite Wege nach Baden, Birmenstorf, Birr oder Othmarsingen in Kauf nehmen. 1894 schlossen sie sich zu einer «Reformierten Genossenschaft» zusammen, zu welcher auch die Protestanten der Nachbargemeinden Niederrohrdorf, Oberrohrdorf, Stetten, Niederwil, Wohlenschwil und Büblikon beitraten. Die Gottesdienste wurden vorläufig im Saal des alten Rathauses gefeiert, doch 1906 konnte der Bau einer eigenen Kirche ins Auge gefasst werden.

Im April 1907 hatte sich die Genossenschaft bereits für Bauplatz und Bauprojekt entschieden: Vom Gastwirt zum Löwen, dem Katholiken Adolf Meier, hatte sie südlich des Stadtkerns an der Lenzburgerstrasse Land erworben, so dass die neue reformierte Kirche nach den Plänen des Ennetbadener Architekten Eugen Schneider just gegenüber der katholischen St.-Antonius-Kapelle von 1736 erbaut werden konnte. Aus der landesweiten Reformationskollekte vom November 1908 konnte der Protestantisch-kirchliche Hilfsverein Aargau der Genossenschaft Mellingen die Hälfte ausbezahlen, nämlich Fr. 37'291.65 (die andere Hälfte ging an die Kirchgemeinde Frick).

Historische Postkarte der Kirche Mellingen

Die Bauarbeiten begannen Ende 1909 und schritten äusserst rasch voran, so dass die Kirche bereits am 4. September 1910 eingeweiht werden konnte. Samt den Umgebungsarbeiten kostete der Bau am Ende Fr. 59'182.25. Dabei konnten die Kirchenfenster, die Chordekoration, der Taufstein und die Turmuhrinstallation durch anonyme Spenden gedeckt werden, die Turmuhr selber sowie zwei kleine Fenster (heute in der Sakristei) wurden der Gemeinde von der Kirchgemeinde Zürich-Oberstrass geschenkt, die damals eine neue Kirche erbaute und die Ausstattung der älteren Kirche an verschiedene Orte veräusserte. Eine bemerkenswerte Spende ging auch von der katholischen Pfarrei aus, die an den Bau immerhin 2'000 Franken beisteuerte. Am grossen Bankett zur Einweihung der Kirche allerdings nahm der katholische Pfarrer K. Ab-Egg nicht teil, was viele befremdete. Im «Reussboten» gab er dann den Grund für seine Abwesenheit öffentlich bekannt: Er war nämlich weder schriftlich noch mündlich zur Teilnahme eingeladen worden.

Renovationen

Während über den Bau und die Einweihung der Kirche um 1910 nur wenig Quellenmaterial erhalten ist, konnte die bewegte Renovationsgeschichte in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Gotteshauses ausführlich dokumentiert werden:

Bereits 1922 wurden die dekorativen Chorbogenmalereien durch fünf Sgraffito-Bilder des Kunstmalers W. Büchi überstrichen. Zur Darstellung gelangten die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sowie die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Sowohl die Anordnung der Bilder in fünf mächtigen Rondellen als auch die Stilistik der Figuren erinnerten stark an die italienische Renaissance und standen damit in einem etwas fragwürdigen Widerspruch zu den ursprünglichen Absichten für ein heimisch und bescheiden wirkendes reformiertes Kirchlein.

Eine erste umfassende Renovation wurde 1948–1950 durchgeführt. Dabei wich die ursprüngliche, zentral im Chor aufgestellte Marmorkanzel einer seitlichen Holzkanzel in der Art, wie man sie von älteren kleinen Landkirchen gewohnt war. Damit die Mitte der Chorwand nicht leer erscheint, wurde am Scheitel ein stattliches Holzkreuz angebracht, und an die Stelle der Sgraffito-Malereien von 1922 trat das Bibelwort aus Jesaja 60,1: «Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf über dir». Auch die Ornamente an den Fenstergewänden wurden weiss übertüncht, um die neuen figürlichen Glasmalereien umso kräftiger zur Wirkung zu bringen.

Auch am Äusseren nahm man einige Änderungen vor, insbesondere wurde der Eisenzaun um die Kirche herum abgebaut. Die übrigen Eingriffe beschränkten sich auf Reparaturen im Bereich der Dachvorsprünge, der Dachrinnen und dem Mauergesims.

1974 fasste man die Kirche aufgrund diverser Feuchtigkeitseinflüsse innen und aussen mit einem Neuanstrich, der Turm erhielt ein neues Zifferblatt. Im Inneren wurde der Holzboden durch roten Klinkerstein und die Holzbänke durch Einzelstühle ersetzt. Die Verlegung einer Elektroheizung im Boden ermöglicht seither eine gleichmässigere Erwärmung der Kirche.

Die jüngsten Veränderungen ereigneten sich 2001–2005. Mit dem Architekturbüro Castor Huser in Baden wurden nebst einer Erweiterung des Kirchgemeindehauses und der Verbesserung technischer Einrichtungen vor allem ein Anbau zu Erweiterungszwecken realisiert und bemerkenswerte Elemente der ursprünglichen Innenraumgestaltung wieder hervorgeholt. Weil keine Innenansichten der Kirche vor 1922 bekannt waren, überraschte insbesondere die Entdeckung der Ornamente von 1910 am Chorbogen, die heute wieder einen wesentlichen Teil der hübschen ursprünglichen Raumdekoration wiedergeben und mit der hellblauen Tünche der Chorwand harmonieren.

Während des Umbaus wurden auch die Klinkersteine wieder entfernt und der Fussboden mit Natursteinplatten aus Juramarmor eingedeckt. Weil die hölzerne Kanzel entfernt werden sollte und der Taufstein bereits seit längerer Zeit im Ortsmuseum aufbewahrt war, entwarf Architekt Huser die liturgische Ausstattung des Chormobiliars in einem einheitlichen Stil von Grund auf neu und entschied sich für grazile Metallarbeiten, um damit den Chor nicht zu überladen. Der ehemals am Chorbogen stehende Vers aus Jesaja 60,1 ist heute im Innenraum oberhalb der Eingangstür angebracht.

Erweiterungsbau

Die auffälligste Veränderung der jüngsten Renovation 2005 bildete die Erstellung eines Anbaus an der nordwestlichen Längsseite der Kirche. Der neu entstandene Raum sollte Platz schaffen für eine Garderobe sowie technische und sanitäre Einrichtungen. Vor allem bietet der lichtdurchflutete, grossflächig verglaste und von einer Sichtbetonmauer eingefasste Trakt nun auch Möglichkeiten für Aufenthalte nach den Gottesdiensten und wird für Apéros und Kirchenkaffee genutzt. Der Anbau hüllt zwar eine Längsseite der Kirche ein, tangiert deren bauliche Substanz aber nur im Bereich der neu geschaffenen Türdurchgänge. Insgesamt hebt er sich in einer gewissen Zurückhaltung vom historischen Kirchenbau ab und tritt durch die beidseitige Verglasung als transparenter Korridor in Erscheinung. Für die künstlerische Bereicherung des Raumes schuf der Lenzburger Stefan Link eine symbolische Darstellung des Abendmahls. Auf kräftig leuchtendem Rot, welches das Feuer des Glaubens symbolisiert, reihen sich links und rechts je sechs mattgoldene Kreise um einengrösseren Mittelkreis: Dieser verkörpert die Gestalt Christi, die kleineren Kreise stehen für die zwölf Apostel.

Seit 2010 prangt an der Westwand des Anbaus ausserdem die Eisenplastik «Ein Schiff voller Leben», dem Motto des Jubiläumsjahres. Die Gemeinden Fislisbach, Mägenwil, Mellingen, Niederrohrdorf, Oberrohrdorf, Stetten, Tägerig und Wohlenschwil machten diese Plastik der Kirchgemeinde zum Geschenk. Sie wurde nach dem Logo von Gianna Schneeberger aus Tägerig von Kurt Meyer aus Wohlenschwil geschaffen.