Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
Stritengässli 10, 5001 Aarau, ag@ref.ch

 

Mellingen Äusseres
Das Äussere der Kirche Mellingen

Äusseres

Der «Reussbote» gab nach der Einweihung 1910 einen Satz wieder, der die allgemeine damalige Einschätzung zum neuen Kirchenbau bezeichnend wiedergab: Architekt Eugen Schneider habe «die Aufgabe vortrefflich gelöst, mit geringen Mitteln einen Bau zu schaffen, der etwas Eigenartiges und Charaktervolles hat und bei aller Einfachheit doch nicht gering aussieht». Wir können diesem Satz noch heute beipflichten und anhand einer Beschreibung des Aussenbaus vielleicht auch erklären, weshalb er so hervorragend zutrifft:

Die Kirche Mellingen ist ein Bau der Reformarchitektur, jener Architekturströmung, die sich gegen Prunk, Stilpflicht und Dekor des Historismus auflehnte und vielmehr durch Einfachheit und die Orientierung an ländlichen Formen und handwerklichen Traditionen gefallen wollte. Architekt Eugen Schneider war kein berühmter Baumeister, hat aber den herrschenden Zeitgeschmack gut erkannt und die Aufgabe auf individuelle Weise zu lösen versucht. Die Anlage der Kirche birgt scheinbar keine Besonderheit: Es handelt sich um einen einfachen Längsbau mit gewohntem zentralem Eingang und Vorhalle an der Giebelseite. Ein massiver, aber bewusst niedrig gehaltener Glockenturm mit achteckigem Glockengeschoss und Zeltdach flankiert die Strassenseite, eine kleine Sakristei und ein stark eingezogener halbrunder Chor schliessen den Kirchenbau nach Südwesten ab. Die Qualität in der Anlage liegt darin, dass die Baukörper sehr gut zueinander proportioniert sind: Schiff, Turm und Chor liegen traulich beisammen, kein Bauteil sticht verwegen hervor, so dass dadurch bereits ein heimeliger Eindruck erweckt werden sollte.

Blick auf den Turm

Die Baukörper sind verputzt, und wie auf alten Fotos zu sehen ist, akzentuierten ursprünglich hellere streifenartige Partien die Gebäudeecken und die Fensterlaibungen, indem sie zu einem dunkleren Putz kontrastierten (mit dem heutigen Anstrich verhalten sich diese Kontrastfelder genau umgekehrt). Dekorfriese oder stilbildende Details sind vom Bau bewusst ferngehalten, sie hätten womöglich auch die Kosten zu sehr belastet. Dennoch schaffte es der Architekt Schneider, dem Bau etwas «Eigenartiges und Charaktervolles» zu geben. So verlieh er zunächst den ruhigen, grossflächigen Ziegeldächern durch leichte Brechungen eine ungewohnte Form: Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass der Giebel in den obersten Teilen stumpfwinkliger wird und kurz oberhalb der Traufen die Dachform, nach Art der ortsüblichen «Aufschieblinge», etwas abflacht. Dieselbe Form gab Schneider auch dem Dach der Vorhalle, des Chors und später demjenigen des benachbarten Pfarrhauses; auch das Turmdach endet in dieser Weise und ergänzt diese Komposition harmonisch. Was bei gerader Linie vielleicht etwas langweilig gewirkt hätte, erhält durch diese Brechung nun also «Eigenart», und weil die Dachformen dazu beitragen, dass der Bau geduckt und bescheiden, aber dennoch auffällig wirkt, erhält das Kirchlein eben auch «Charakter». Freundlich und anheimelnd, kaum grösser und unwesentlich anders als ein Wohnhaus, sollte der Bau die Kirchgänger empfangen, und der Einsatz grosser Ziegeldachflächen war hierfür ein zeittypisches, neuartiges Mittel. Schliesslich wirkt die Gesamterscheinung dennoch «nicht gering», weil ihr durch wohlabgewogene Proportionen und teils recht mächtige, teils gruppierte und so auch zueinander kontrastierende Fenster auch Monumentalität und Grösse innewohnt. Die Gewände des Haupteingangs schmückt schliesslich doch noch ein markiger Ornamentfries in Sgraffito-Technik. So wirkt der Bau im guten Sinne einfach und schlicht, aber auch selbstbewusst, wie es zur damaligen Diasporagemeinde passte, die auf ihr neues Kirchengebäude trotz der bescheidenen Dimensionen stolz sein wollte und konnte.




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