Das Äussere

Auffälligstes Merkmal des Kirchenbaus ist die Geschlossenheit der symmetrischen Anlage, deren Achse den länglichen, nahezu geradlinigen Verlauf der Festung gleichsam fortsetzt. Die Front mit ihren markanten Zwillingstürmen reagiert auch auf die Aarebrücke, die kurz vor dem Stadtbrand 1837 eingeweiht worden war und damals die Verkehrsverhältnisse und den Kontakt zum Kanton Solothurn jenseitig des Flusses grundlegend veränderte. Anders als am Vorgängerbau, wo die Silhouette des Baus der ansteigenden Linie des Burgfelsens folgte, brüsten sich seither die Turmbauten an der westlichen Eingangsseite und grüssen über dem steilen Fels prominent in die Landschaft hinaus. Durch diese Stellung wirkte die Kirche nicht nur auf den Ortszugang, sondern wandte sich auch elegant an die beidseits des Felssporns liegende Ortschaft, also sowohl zum nordwestlich gelegenen Altstädtchen als auch zur südlich gelegenen Vorstadt und gab dieser Berücksichtigung auch durch die Anbringung von Zifferblättern nach drei Richtungen Ausdruck. Die Qualität der Stellung lässt sich unterschiedlich beurteilen: Als beispielsweise Michael Stettler 1948 die Kirche für die wissenschaftliche Buchreihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» behandelte, beargwöhnte er diese Stellung heftig: Nach ihm stört die frontale Anordnung der Türme die ehemalige, stetig aufsteigende Silhouette und unterbricht den gestaffelten Aufbau von Stadt, Kirche und Burg gewaltsam. Heute mögen wir die Architektur stärker als Ausdruck des Selbstbewusstseins der Zeit akzeptieren und die imponierende, geradezu einheitliche ‹Wand› aus Fels und Kirchenfassade auf uns wirken lassen. Die Aarburger Kirche geniesst ausserdem landesweit grosse kunsthistorische Bedeutung als in seiner Art und Stellung einzigartiges kirchliches Bauwerk und als einer der frühesten Sakralbauten, die bereits von der Neugotik beeinflusst sind. Kaum ein schweizerisches Bauwerk gleicht der Aarburger Kirche: allein schon die Zweitürmigkeit ist eine Rarität, denn die meisten zeitgleich entstandenen Kirchenbauten waren noch ganz im Stil des Klassizismus gehalten, und spätere neugotische Kirchen gehörten bereits einer anderen Stilphase dieser Richtung an. Die Kirche Aarburg bringt die Neugotik besonders früh und deshalb im wahrsten Sinne des Wortes erst «halbherzig» zur Umsetzung: Zum einen herrscht die Neugotik nur am Aussenbau, während der Innenraum klassizistisch konzipiert wurde. Zum anderen enthält auch der Aussenbau, der in weissem Putz gehalten ist und von Architekturgliedern in Solothurner Kalkstein rhythmisiert wird, noch viel von der geordneten Strenge des rationalen Klassizismus und lässt sich im Wesen noch nicht als konsequent «gotisch» bezeichnen: Der Umriss des Schiffes und der anschliessende untere Fassadenteil bilden vereinfacht gesagt einen simplen Kubus, der lediglich durch den polygonalen Chor im Osten unauffällig durchbrochen wird. Die Längsseiten des Schiffes und die Front werden durch flache Wandvorlagen, durch sogenannte Pilaster rhythmisiert. Diese Architektur für sich und ihre strenge zweidimensionale Rahmung ist genau genommen völlig ungotisch: Die Gotik des Mittelalters war ja in ihrer Reinkultur ein gesamtes Architektursystem, das sich durch ein in drei Dimensionen erdachtes steinernes und vertikal betontes ‹Gerüst› auszeichnete, das die Wand gleichsam auflöste und sich vom Gesamtentwurf bis ins Detail erstreckte.

«Gotisch» sind an der Kirche Aarburg aber fast einzig die spitzbogigen Fensterrahmungen aus Staffelbacher Sandstein und die Dekorformen in den horizontalen Friesbändern, ausserdem gliedert sich die Frontseite nach gotischem System in drei Teile, wobei sich die Mitte durch ein dreiteiliges Portal und ein grosses Fenster hervorhebt. Die Gotik kommt also quasi nur zeichnerisch auf der Fläche zum Einsatz; selbst das sogenannte Masswerk, das in vielfältigen Zirkelschlagformen die Bogenfelder der Fenster ausfüllt, ist in Aarburg weithin kaum sichtbar, weil es nur aus schlanken Metallruten besteht. Der Dreiecksgiebel zwischen den Türmen und das mässig geneigte Dach sind ungotisch und vielmehr Kennzeichen des Klassizismus. Wiederum stärker an die Gotik erinnern die beiden achteckigen Glockengeschosse der bleistiftförmigen Türme, die durch Blenddekorfriese unterteilt werden, ansonsten aber hauptsächlich horizontal gegliedert sind, flächig bleiben und in kleinen Spitzhelmen ausklingen.

Das Hauptfenster über dem Portal

Das kleinteilige gotische Blendmasswerk an der Fassade

Diese angedeutete Mischung zweier Architektursysteme war nicht ungewöhnlich für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich der gotische Stil weder auf Bauhütten noch durch Vorlagenwerke eingehend studieren liess: Die Architekten waren durch die klassizistische Lehre beeinflusst und versuchten anfänglich noch etwas zaghaft, den gotischen Stil in seinen charakteristischsten Formen einfliessen zu lassen. Sowohl in den Kunstzentren Münchens und Berlins hatten derartige Versuche ihre Vorbilder, die Architekt Heimlicher vermutlich kannte.

Die Fassade mit den beiden markanten Türmen