Reformierte Kirchen im Aargau

Ein Projekt der Refomierten Landeskirche Aargau
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Kirchberg
Grundriss der Kirche auf dem Kirchberg im Massstab 1:300 – Zustand vor der Gesamtrenovation von 1956/57

Kirchen- und Baugeschichte

Eine Kirche auf dem Kirchberg wurde 1036 erstmals erwähnt, und zwar in einem Dokument des Lenzburger Grafen Ulrich des Reichen, in der die Schenkung der Pfarrkirche, der ecclesia in Chutingen urkundlich bestätigt wurde. Vermutlich handelte es sich um einen kleinen und einfachen Bau. Es ist nicht genau bekannt, wann diese erste Kirche auf dem Kirchgebiet erbaut wurde, sicher ist hingegen, dass es schon vor diesem ersten Bau einen Friedhof gab, denn bei der umfassenden Gesamtrenovation der Kirche in den Jahren 1956/57 wurden unter dem Fundament der romanischen Westmauer Knochen gefunden.

Der wesentliche Teil der Bausubstanz der jetzigen Kirche wurde zwischen 1462 und 1472 im spätgotischen Stil erbaut. Dabei wurde der Vorgängerbau bis auf Teile der südlichen Seitenwand des Schiffs abgebrochen; die neue Kirche wurde nach Westen, Norden und Osten hin erweitert und wies eine neue Gesamtlänge (Schiff und Chor) von etwa 25 und eine Breite von etwa 10 Metern auf. Auf der Südseite erhielt sie einen Glockenturm mit Käsbissendach. Weder die genaue Daten der Bauzeit noch der Baumeister sind bekannt.

Aus dieser Zeit stammt ein Bericht über die besondere Lage der Kirche auf dem Kirchberg: «Das Kirchlein zu Kilchberg bei Aarau ziert freundlich den Gipfel einer Jurahöhe, welche rings über das Aarthal hinblicken, dennoch sollte es ursprünglich am hintern Ende desselben Bergrückens, auf dem sogenannten Waidgüpfli aufgeführt und gegen Wälder und Juragewände gerichtet werden. Denn damit wäre es um vieles näher bei seinem Dorf gelegen gewesen. Aber das auf der Hinterseite dieses Bergrückens Gebaute war alltäglich wieder auf die sonnige Talseite vorgeschafft. Die Wahrheit dieser Meinung will man aus den noch unsichtbaren Bauspuren hinten am Waidgüpfli nachweisen.» (zit. nach Wullschleger)

Die Kirche war vermutlich ursprünglich der Jungfrau Maria gewidmet; darauf verweisen die kleinste und älteste Glocke aus dem 13. oder 14. Jahrhundert mit der Inschrift «SANCTA MARIA ORA PRO NOBIS» und ein Vermerk in der Kaufurkunde einer in der Nähe gelegenen Liegenschaft vom 1. April 1511: «genannt unser frouwen gütlin zuo Kylchberg»  (zit. nach Wullschleger).

Bereits im ersten Jahr der Berner Herrschaft über den Westaargau (1528) wurde die Kirche von den Reformierten übernommen, kurioserweise verblieb die Kollatur (das Recht, geistliche Stellen zu besetzen und über die Pfründe einer Kirche zu verfügen) aber während über 300 Jahren beim Stift Beromünster. «Dafür mögen vorab materielle Gründe massgeblich gewesen sein: die aus den Rechten erwachsenen Vorteile werden die Nachteile der Pflichten mehr als aufgewogen haben. Die ideelle Seite – der doch einigermassen merkwürdige Umstand, dass ein katholisches geistliches Haus einen reformierten Pfarrer zur Wahl vorschlagen konnte, ihn auch besoldete und dazu die Baupflicht für die Pfrundgebäude zu tragen hatte – war demgegenüber von geringer Bedeutung. Aus religiösen Gründen ist es zwischen dem Stift und der Kirchgemeinde nie zu Auseinandersetzungen gekommen.» (Wullschleger) Dieses ungewöhnliche Rechtsverhältnis endete erst nach 1853 mit der Übernahme der Kollatur durch den Kanton Aargau bzw. im Rahmen des Austauschs von Kollaturen mit anderskonfessionellen Kantonen.

Der Baukörper der Kirche aus dem 15. Jahrhundert blieb im wesentlichen bis heute erhalten. 1740 wurde über dem Haupteingang eine Empore, vier Jahre später eine weitere, ebenfalls eingeschossige Empore längs der Südwand eingebaut, um dem grösseren Platzbedürfnis Rechnung zu tragen.

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurden verschiedene Umbauten ausgeführt, so wurde 1851 eine Vorhalle im neugotischen Stil vor den Haupteingang angebaut. 1868 wurde Kirchturm verändert: Die bisherige Käsbissenbedachung wurde durch eine Spitzhelmbedachtung aus verzinktem Blech mit Blitzableiter, Wetterfahne, vergoldeten Kugeln ersetzt.

Gleichzeitig wurde der Turm um 1.5 Meter erhöht. Die Gesamtkosten betrugen Fr. 2800.–, damals eine nicht unbeträchtlicher Summe. 1878 erhielt der Turm eine Turmuhr. Der Unterhalt war aufwendig.

1890 wurde eine Reparatur des Daches und der Decke im Schiff unumgänglich, und wenig später war eine Turmreparatur notwendig: «Die grosse Kugel auf dem Turm, sowie die Kugeln auf den Windbergen sind, statt mit Goldfarb-Bronce, mit Aluminium-Bronce anzustreichen. (…) Die Wetterfahne soll vergoldet werden.» (zit. nach Wullschleger)

Auch der Boden, bis dahin aus Holz, musste 1895 durch einen Zementboden ersetzt werden, 1896 wurde die Seitenempore gegen den Chorbogen hin verlängert.

Ob all der wiederkehrenden Sorgen um die Bausubstanz der Kirche ging auch der Gedanke an die tierischen Geschöpfe Gottes nicht vergessen: So wurde am 8. August 1897 an der Kirchgemeindeversammlung beantragt, «es möchte auf der südöstlichen Firstecke des Kirchendaches eine Einrichtung zum Bau eines Storchennestes angebracht werden, um die überall beliebten Vögel auch in unsere Nähe zu ziehen» (zit. nach Wullschleger). Die entsprechende Einrichtung wurde tatsächlich erstellt, 1914 aber infolge Morschheit wieder entfernt. Ob tatsächlich einmal Störche auf dem Dach der Kirche genistet haben, ist nicht bekannt!

Auch in den folgenden Jahrzehnten wurden immer wieder Renovationsarbeiten ausgeführt, so 1904/05 eine grössere Aussenrenovation (neue Türen und Kirchenfenster, im weiteren wurde das Masswerk an den Fenstern der Nordseite ersetzt), 1925 erfolgte eine umfassende Innenrenovation: der Bodenbelag wurde mit roten Tonplatten ersetzt, das Gestühl wurde teilweise ersetzt, zudem gab es nun elektrische Beleuchtung), 1928 wurde die Anschaffung einer neuen Turmuhr beschlossen, da die bestehende von 1878 immer wieder zu Klagen Anlass gab und oft repariert werden musste: Die neue Turmuhr vermochte aber nur bedingt zu befriedigen, und schon 1935 wurde festgestellt: «Die Zeiger des nördlichen Zifferblattes unserer Turmuhr stehen nun schon seit vielen Monaten still.» (zit. nach Wullschleger)

Ab 1939 stand das Heizsystem im Zentrum der Renovationsüberlegungen, 1940 wurde eine elektrische Heizung installiert. Aufgrund der kriegsbedingten Stromknappheit wurde 1942 beschlossen, die Kirchen anlässlich von Hochzeiten, Abdankungen, Kinderlehre und Sonntagsschule nicht mehr zu beheizen.

Ein Meilenstein in der Kirchengeschichte ist, dass die Kirche auf dem Kirchberg nach einen Antrag der kantonalen Altertümerkommission (die Vorgänger-Institution der Kantonalen Denkmalpflege) 1945 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

1947 begann eine neue Renovationsdiskussion, die vorerst den Turm zum Inhalt hatte und in einer umfassenden Gesamtrenovation der Kirche (1957 beendet) mündete. Ein Hauptpunkt war die intensive Auseinandersetzung um den Kirchturm. Sie endete damit, dass der Spitzhelm aus dem 19. Jahrhundert durch den ursprünglicheren Käsbissen ersetzt wurde (1951). Anschliessend waren Schiff und Chor an der Reihe, dabei ging es unter anderem um den Abbruch der neugotischen Vorhalle und der zusätzlichen Seitenemporen, um eine Neuerstellung des Aufgangs zur Empore und um eine neue Orgel.

Bei der ganzen Diskussion war die Kantonale Denkmalpflege von Anfang an einbezogen und beteiligt.

Denkwürdig war die Abstimmung der Kirchgemeinde am 23. Januar 1956. «Die Abstimmung über das bisher grösste Bauvorhaben ergab ein eigenartiges Resultat: 71 Stimmen befürworteten das Geschäft, 71 lehnten es ab. Es brauchte den Stichentscheid des Präsidenten – für die Kirchenpflege eine recht heikle Situation, durfte nun doch im Verlaufe der Bauarbeiten, im Hinblick auf die Kostenentwicklung wirklich nichts «passieren».» (Wullschleger)

Umso penibler wurde in der Folge auf Einhaltung des Budgets geachtet. Die Renovation begann an Pfingsten 1956 und wurde Ende Februar 1957 abgeschlossen. Der erste Gottesdienst in der renovierten Kirche fand am 3. März 1957 statt. Die Abrechnung lautete mit Fr. 233493.65 gegenüber dem Kostenvoranschlag von Fr. 237000.– komfortabel.

1977 musste der gesamte Putz des Kircheninneren aufwendig erneuert werden. 1987 und 2011 wurden weitere Aussenrenovationen notwendig. 2011 wurde zudem auch die Friedhofsmauer renoviert.

Nach der letzten Innenrenovation von 2006 strahlt der schöne Kirchenraum mit den farbigen Glasfenstern des Aarauer Künstlers Felix Hoffmann wieder in neuer Frische, 2011 wurde die Kirche auch aussen umfassend renoviert.




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